“Drei Tage wirst Du in Amritsar sein? Das ist schon fast mehr als genug! Denn ausser der Closing-Zeremonie an der Indisch-Pakistanischen Grenze und dem Goldenen Tempel gibt es nichts zu sehen.”
(Standard-verbreitete Variante der touristischen Sicht zu Amritsar und von allen Befragten einschließlich vieler Inder im Vorwege meines 3-Tages-Trips gehört.)
Ich habe eine Schwäche für Tempel jeder Art: Moscheen, Synagogen, Kathedralen, Dorfkirchen, Schreine, Tempel mit tausend Glocken. Die brauchtumsschwangere Luft, die Andächtigkeit, die Gottesehrfurcht, die Ruhe ziehen mich unweigerlich in ihren Bann. Dabei ist es gleich, ob die Tempel in Betrieb sind, kräftig geschmückt oder karg möbliert. Sie alle sind Versammlungsstätten von Gemeinschaften, die sich zusammenfinden, um zu beten – um ihre weltlichen und alltäglichen Sorgen einer höheren Macht zu unterstellen. Wie auch immer diese Macht heissen mag.
Ich habe eine Schwäche für Tempel – und für die dazugehörigen Religionen. Aber wie kann ich mich selbst einer einzelnen Geisteströmung zugehörig fühlen? Es gibt soviele unterschiedliche Wege, wie kann es da sein, dass fast alle Religionen von sich behaupten, der Einzige und Richtige Weg zu sein? Und so kommt es, dass ich voller Neugier die Tempel dieser Welt besuche, mir alles anschaue, anhöre, versuche zu verstehen – und trotzdem immer mit einer gewissen Distanz und leichter Befremdung außerhalb der (Glaubens-)Gemeinschaft stehe. Das hört sich zunächst etwas unangenehm an – ist es aber gar nicht. Man ist eben nicht Gläubiger sondern wohlwollender und interessierter Besucher. Und wenn man alle vorgeschriebenen Verhaltensregeln des jeweiligen Glaubensortes beachtet, fällt man auch meist nicht weiter auf. Allerdings habe zumindest ich in dem Augenblick wo ich neben einer Masse ehrfürchtig betender Menschen in ihrem Tempel stehe, das Gefühl, am falschen Ort zu sein und die Ruhe der Andacht zu stören.
Jetzt kommt die Geschichte vom Goldenen Tempel und von den Sikhs. Denn ich hätte niemals gedacht, dass ich etwas so besonderes finden werde in einem (okay zugegebenermassen ziemlich fancy weil vor goldglänzenden) Tempel, dem obersten Heiligtum einer mir bisher nicht geläufigen Minderheitenreligion von ca. 20 Millionen Anhängern hauptsächlich im Punjab/ Nordindien. Dass ich mich zuhause fühlen kann an einem so fernen Ort. Und das ich etwas darüber schreiben müsste, was sich im Rückblick derartig kitschig anhört.
Vielleicht war es das gesamte Setting, die langsame Vorbereitung auf den finalen Schlag mit der Religions-Keule:
01.
I.P.s Familie ist eine Sikh-Familie.
Ich liebte von Anfang an die Gesänge vom Punjab TV, die live aus dem Goldenen Tempel übertragen werden, und die I.P.s Mama täglich verfolgt und andächtig betet. Sikhs sind für mich also nette Menschen mit schönen Gesängen, die Männer alle mit Turbanen und Bärten am Kopf.
02.
Die großartige Ankunft in Amritsar.
Nach der nächtlichen Zugreise von Haridwar, wieder einmal durchgeschüttelt und kaum geschlafen, gibt es in Amritsar am Bahnhof einen kostenlosen Bus, der direkt zum Goldenen Tempel fährt.
Dort angekommen gibt es auf dem Tempel-Gelände ein riesiges Gästehaus für Pilger, welches allen offen steht. Allen. Ich komme kaum um die Ecke, da wird mir schon von einem netten Mann in weiß mit blauem Turban (Tempel-Diener-Uniform) ein Bett in einem 3er Mädels-Zimmer angeboten. Drei Nächte kann man als Pilger – egal woher und wer man ist – kostenlos hier wohnen. Und: Ich habe noch nirgendwo in Indien derart saubere Duschen und Toiletten gesehen. Aufgrund der hohen Fluktuation wird hier geschrubbt, was das Zeug hält und es riecht nach Zitrone.
Nach dem Sich-Frisch-Machen vom Reisedreck gibt es Frühstück im “Free Kitchen”. Langar heisst das Ganze in der Sikh Tradition. Es bezeichnet ein gemeinsames Essen aller vor dem Betreten des Tempels und vor der gemeinsamen Diskussion, dem Gebet oder sonstigen Zusammentreffen. Nebeneinander sitzend – ohne Unterscheidungen nach Klasse, Kaste, Geschlecht – wird jedem das gleiche Essen serviert. An diesem Morgen gibt es köstlichen Kokosnussreis, Chapati, Dal und Sabzi – in hervorragender Qualität! (Welche Töpfe bewältigen bloß diese enormen Mengen an Essen?!?!)


03. Die Turbanmode.
Hier kann sich das Auge kaum satt sehen an merkwürdigen Kopfbedeckungen.
Von kleinen, mit buntem Tuch bedeckten Knödeln oberhalb der Stirn, die das lange Haar zusammenhalten bis zu riesenhaften Turbanen, in denen man zwei Kleinkinder transportieren könnte ist alles möglich. Sikh-Männer lassen ihre Haare wachsen und wachsen und wachsen. Frauen tun das ja sowieso. sie flechten sich ihre Haare meist, wohingegen der Mann sie mit seiner Spezialtechnik unter dem turban verstaut. Es gibt Läden mit einer riesigen und farbenfrohen Auswahl an Turbanen. Und meist wird zur Farbe des Turbans auch das passende Hemd getragen.

04. Die unglaubliche Schönheit des Ortes:
Die Reflektion des Lichts auf dem Gold des Tempels und die Reflektion des Tempels auf dem Wasser – je nach Tages- oder Nachtzeit versprüht dieser Ort einen ganz besonderen Glanz.
05. Die Rituale.
Ich habe alles gemacht. Morgens um 02 Uhr aufstehen und das rituelle Bad im Heiligen Wasser nehmen. Männer nehmen es irgendwo in dem quadratischen Wasserbecken, welches den Tempel umgibt – Frauen nehmen es blickgeschützt im Frauenbadehaus. Idealerweise badet man vor dem Betreten des Tempels. Und ja nicht abtrocknen! Heiliges Wasser muss einziehen und sollte nicht im Frottee versickern.
Ab 02:30h Im Goldenen Tempel sitzen und den ewig fortlaufenden Gesängen und Gebeten lauschen – am geöffneten goldenen Fenster im ersten Stock. Mit Blick auf das Wasser, mit Blick auf die Deckenmalereien, die Spiegelmosaike, die Gravuren in Gold. Um diese Uhrzeit kommen nur die wahrlich Ergebenen, man kann sich seinen Lieblingsort aussuchen – und man muss nicht stundenlang vor dem Eingang anstehen.
Bei Sonnenaufgang um 06:45 steigt man auf das Dach des Tempels steigen und den Rundblick zwischen den goldenen Spitzen geniessen.
Auf dem Weg nach draußen Prashat nehmen (Das heilige Brot der Sikhs – eine Mischung aus Mehl, Zucker, Ghee und Wasser. Warm und in Form einer Klumpens wird es einem in die beiden geöffneten Hände geklatscht. Und nach dem Genuss dieser braun-süßen Masse fühlt man sich wahrlich gesegnet).
Zu guter Letzt: eine Flasche mit heiligem Wasser für I.P.s Mama befüllen.
Was ist es jetzt also, was mit mir passiert ist – irgendwo zwischendrin in Amritsar?
Denn ich bin selig abgereist von diesem Ort.
Die Religion der Sikhs hat mich zutiefst beeindruckt. Auch wenn ich vieles davon nicht verstehe.
Die Atmosphäre, die Gastfreundschaft, die Offenheit an diesem Ort hat mich geöffnet.
Und vielleicht habe ich ihn gesehen, den Gott. Das Universum.
Und mich eins gefühlt.
Vahe Guru.
